Chronik 1950
Fünf Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs hatten Deutschland und Japan immer noch nicht ganz den Paria-Status als Kriegsverursacher-Länder verloren. Beide Länder verfügten als unter alliiertem Besatzungsstatut stehende Gebiete lediglich über eingeschränkte Souveränität. Das galt in Deutschland sowie für die 1949 gegründete Bundesrepublik als auch für die ebenfalls seit 1949 bestehende DDR, die in westlichen Medien hartnäckig als „Ostzone“, „Mitteldeutschland“ oder „Sowjetische Besatzungszone“ bezeichnet wurde. Verkomplizierend kamen noch die politischen Sonderstellungen von Berlin sowie des Saargebiets hinzu.
1950 war die Welt mit ihren etwa 2,5 Milliarden Menschen in zwei feindliche Lager geteilt („Kalter Krieg“). Dem von der Atommacht USA dominierten, kapitalistischen, teils demokratischen, teils undemokratischen westlichen Lager stand der von der stalinistischen Atommacht Sowjetunion angeführte sozialistische Ostblock gegenüber. 1950 war dieses Lager einigermaßen homogen, weil sich die maoistische Volksrepublik China („Rotchina“) noch mit der Rolle des asiatischen Juniorpartners Moskaus zufrieden gab. Die BRD mit ihrem restaurative Gesellschaftsvorstellungen umsetzenden Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) war eindeutig an der Seite der USA zu finden, die DDR ebenso eindeutig mit dem SED-Generalsekretär Walter Ulbricht an der Spitze an der Seite des Großen Bruders Josef Stalin. Das wichtigste Ereignis des Jahres auf internationaler Ebene war der Korea-Krieg. Als Ergebnis des Zweiten Weltkriegs war die koreanische Halbinsel in die kommunistische Demokratische Volksrepublik Korea (Nordkorea) und die anti-kommunistische Republik Korea (Südkorea) geteilt worden. Beide Republiken beanspruchten die Herrschaft über ganz Korea und waren auch bereit, militärische Mittel zur Durchsetzung dieses Zieles einzusetzen. Am 25. Juni drangen nordkoreanische Truppen überraschend über den als Demarkationslinie geltenden 38. Breitengrad auf das südkoreanische Territorium vor. Sie überrollten die von zunächst nur wenigen US-Truppen verstärkten südkoreanischen Verbände. Ende Juli war ganz Korea bis auf einen kleinen Brückenkopf im Südosten bei Pusan (Busan) von den Invasoren erobert. Mit massiv anlaufender US-Hilfe konnte Südkorea aber seine Stellungen halten. Am 30. Juli verurteilte der UNO-Sicherheitsrat (die zum Veto berechtigte UdSSR hatte keinen Vertreter zu der entscheidenden Abstimmung geschickt) die nordkoreanische Aggression. Es wurde eine UN-Streitmacht aufgestellt, die Südkorea zur Hilfe kommen sollte. Die USA stellten mit insgesamt etwa 400.000 Soldaten den mit Abstand größten Teil der von US-General Douglas MacArthur befehligten UN-Truppen, zu denen unter anderem auch 14.000 britische, 8.000 kanadische, 5.500 türkische und 2.200 australische Soldaten gehörten. Im September eroberten die UN-Truppen nach der Schlacht bei Incheon die südkoreanische Hauptstadt Seoul zurück und drängten die Nordkoreaner bis weit an den chinesischen Grenzfluss Yalu zurück. China hatte die USA und die UNO mehrmals davor gewarnt, den 38. Breitengrad zu überschreiten. MacArthur und US-Präsident Truman hatten chinesische Interventionsdrohungen als Bluff abgetan und wurden von der erfolgreichen Offensive von offiziell als „Freiwilligenarmee“ bezeichneten rotchinesischen Verbänden überrascht. Die Freiwilligenarmee wurde von in chinesischen Uniformen eingesetzten sowjetischen und polnischen Kampfpiloten unterstützt. Für die US-Armee bedeutete die Schlacht von Chosin (November/Dezember) die schwerste Niederlage ihrer Geschichte. Zum Jahresende zogen sich die UN-Truppen hinter den 38. Breitengrad zurück. Truman, der am 16. Dezember erstmals in der US-Geschichte den nationalen Notstand ausgerufen hatte, war entsetzt von MacArthurs Forderung, Atomwaffen einzusetzen und überlegte, den nach Meinung vieler Beobachter nicht nur an Selbstüberschätzung leidenden Militär abzuberufen.
Der Krieg sollte sich noch bis 1953 hinziehen. Für Deutschland-West bedeutete der millionenfaches Leid verursachende Krieg den Beginn seines Wirtschaftwunders. Nach den ökonomisch schwierigen Jahren der unmittelbaren Nachkriegszeit mit den Lebensmittelrationierungen (bis 1950) und Demontagen zahlreicher Betriebe im Rahmen von Reparationsleistungen für die Alliierten (bis 1950) führte die durch den Koreakrieg enorm gestiegene Nachfrage an rüstungsrelevanten Rohstoffen und Produkten zum „Korea-Boom“. Folge war eine sprunghafte Steigerung der Binnen-Kaufkraft und des Steueraufkommens mit entsprechenden Auswirkungen auf privates Konsumverhalten und öffentliche Investitionsvolumen. Eines der Symbole für das beginnende Wirtschaftswunder war der erste serienmäßig gefertigte VW-Bus T1, der zusammen mit dem VW-Käfer für die umfassende Motorisierung der BRD stand.
Der den Ost-West-Konflikt verschärfende Koreakrieg verstärkte aber auch anti-kommunistische Tendenzen im Westen. Nach dem republikanischen US-Senator McCarthy wurde eine hysterische Bewegung in den USA benannt, die eine regelrechte Hexenjagd auf Menschen verfolgte, denen „unamerikanische Umtriebe“ vorgeworfen wurde. Dazu zählten nicht nur Kommunisten, sondern auch viele kritische Liberale und Pazifisten, die nicht selten auf für sie faktisch Berufsverbot bedeutenden „Schwarzen Listen“ auftauchten. In der BRD schuf der im vergleichbaren Geist verordnete „Adenauer-Erlass“ von 1950 die Möglichkeit, Angehörige des öffentlichen Dienstes wegen Mitgliedschaft in „verfassungsfeindlichen“ Organisationen zu sanktionieren oder sogar zu entlassen. Auf der anderen Seite wurden bei der Berücksichtigung von „Leistungsträgern“ des NS-Regimes im Staatsdienst und in der Wirtschaft ausgesprochen nachgiebige Maßstäbe angelegt, die mit einer in großen Teilen der deutschen Bevölkerung verbreiteten „Schlussstrich“-Mentalität konform ging.
Ein wichtiger Schritt in Richtung voller bundesdeutscher Souveränität stellte der von Frankreichs Außenminister Robert Schuman im Mai präsentierte Plan dar, die französischen und deutschen Montanindustrien unter eine gemeinsame Oberbehörde zu stellen. Damit verbunden sollten die für die BRD noch bestehenden Beschränkungen im Bergbau-Bereich aufgehoben werden. Der „Schuman-Plan“, der später als ein Schlüsseldokument auf den Weg zur EU gewertet worden ist, wurde von der deutschen Regierung sofort begrüßt. Bundeskanzler Adenauer zeigte sich 1950 auch von vor dem Hintergrund des Koreakrieges erörterten Überlegungen europäischer Politiker angetan, Deutschland im Rahmen einer zu gründenden Euro-Armee wieder Wehrhoheit zubilligen zu sollen. Die Frage der von der SPD damals strikt abgelehnten Wiederbewaffnung wurde in Folge zu einem der zentralen innenpolitischen Debatten-Themen der jungen Bundesrepublik.
Die Unterhaltungsmusik-Kultur in der BRD wurde 1950 durch US-Importe wie das säuselnde „Bewitched“ von Doris Day und Nat King Coles „Mona Lisa“, vor allem aber von Deutsch-Schmalzigem wie „Bobby backt einen Kuchen“ von Rita Paul oder „Florentische Nächte“ von Rudi Schuricke bestimmt. Die deutsche Filmwelt war zumeist ähnlich unverbindlich und lieferte mit Komödien wie „Das doppelte Lottchen“, „Schwarzwaldmädel“ oder „Dr. Prätorius“ unverfängliche Kost. Zu Film-Klassikern wurde der US-Film „Boulevard der Dämmerung“, der erzkonservative John-Wayne-Kavallerie-Western „Rio Grande“ und das Kurosawa-Meisterwerk „Rashomon“. Von hoher cineastischer Qualität war auch Roberto Rossellinis 1950 uraufgeführtes italienisches Film-Drama „Stromboli“. Bezeichnend für die bigotte Grundstimmung der Zeit war, dass Politiker in den USA und anderen Staaten einen Boykott des Filmes wegen “sittlicher Entartung“ forderten. Hauptdarstellerin Ingrid Bergman und Regisseur Rossellini, beide mit anderen Partner verheiratet, hatten während der Dreharbeiten 1949 eine Liebesbeziehung begonnen. (mb)