Was war wann - Info Chronik 1968

Chronik 1968

1968 wurde von vielen Zeithistorikern mit den Epochenjahren 1848 und 1918 schon früh auf eine Bedeutungsstufe gestellt. Selbst, wenn nicht alle Geschichtsfachleute diese Bewertung teilen mochten, hat 1968 unbestritten einen besonderen Platz in der Chronik der Menschheit eingenommen. Vor allem die mit den Begriffen „68er Bewegung“ und “Prager Frühling“ verbundenen politischen Ereignisse wurden in der Rückschau zu Zäsur-Sachverhalten der Nachkriegszeit.
Verschiedene politische und soziale Entwicklungen, zu denen unter anderem die eher eskapistische Hippie-Bewegung sowie der Konflikt zwischen der die Rolle ihrer Eltern im NS-Reich und in Vichy-Frankreich hinterfragenden kritischen Jugend gehörten, hatten in den 1960er Jahren ein enormes Potenzial der Unzufriedenheit und Aktionsbereitschaft im liberalen und linken Lager geschaffen.
Es kam vermehrt zu Protesten gegen autoritäre Strukturen im Bildungsbereich und im Politikbetrieb, gegen Wirtschafts-Lobbyismus und Imperialismus, gegen Menschenrechtsverletzungen und für Bürgerrechte. Zentren der 68er Bewegung waren die Universitäten (APO, SDS), wo in oft endlosen, häufig vollkommen verkopften, oft aber auch von intellektueller Kreativität geprägten Diskussionen utopische Gesellschaftskonzepte und konkrete Protestaktionen geplant wurden. Wenn auch viele 68er den linken Flügeln von SPD und FDP angehörten, orientierten sich die meisten der tonangebenden damaligen Aktivisten an extrem linken Politik-Entwürfen wie dem dogmatischen Marxismus-Lenismus, dem Mao-Kommunismus der Volksrepublik China oder dem Sozialismus in Kuba. Besonders radikale 68er waren Anhänger der kollektiv-anarchistischen Lehre Bakunins oder des Individual-Anarchismus a la Stirner. Die linken Gruppen waren sich zwar in ihrer Ablehnung des „Establishments“ einig, untereinander aber zumeist spinnefeind.
Für die Allgemeinheit zeigte sich die 68er Bewegung insbesondere durch eine Vielzahl von nicht selten von Ausschreitungen verbundenen Demonstrationen gegen Bildungsnotstand, Notstandsgesetze und Vietnam-Krieg. Suchten auch etliche Vertreter des Establishments in Universität und Politik das Gespräch mit der rebellischen Jugend und nahmen gemäßigte Intellektuelle in den Medien den Dialog auf, reagierten andere Politiker und Medien mit Repression und Hetze.
Einer der prominentesten Studentenführer in Deutschland, der von einem CSU-MdB als „verlauste Kreatur“ diffamierte Rudi Dutschke, wurde in diesem Klima wachsender Aggression am 11. April von einem Gegner der Studentenbewegung angeschossen. Zahlreiche durch die 68er-Proteste politisierte Studenten begannen nach 1968 den „Marsch durch die Institutionen“ in SPD, Gewerkschaften und anderen Zirkeln. Erfolgreich konnten sie dabei zumindest Elemente der im Grundsatz emanzipatorischen 68er Bewegung in die Politik und die Gesellschaft einbringen. Eine Minderheit ging in die Illegalität und wandte terroristische Mittel an, um die Revolution zu beginnen. Mit Andreas Bader und Gudrun Ensslin, die am 2. April 1968 in zwei Frankfurter Kaufhäusern Brandsätze zündeten, begann die Vorgeschichte der spätren Terroristen-Gruppe RAF.
Auch in anderen Ländern waren 68er Bewegungen aktiv. Anders als in Deutschland kam es in Frankreich („Pariser Mai 68“) zu einer Solidarisierung von großen Teilen der Arbeiterschaft mit den rebellierenden Studenten. Frankreich wurde von Mai bis Juni sogar von einem Generalstreik betroffen.
Die Bürgerrechtsbewegung in den USA, die sich zumindest teilweise mit der Ausrichtung der 68er deckte, musste 1968 einen herben Verlust betrauern: Der charismatische Bürgerrechtler Martin Luther King jr. wurde am 4. April in Memphis, Tennessee, von einem Unbekannten erschossen. Zwei Monate später, am 6. Juni, fiel auch der liberale Hoffnungsträger Robert F. Kennedy, der Bruder des 1963 ermordeten US-Präsidenten John F. Kennedy, einem Attentat zum Opfer.
Brutal wurde die 68er Bewegung in Mexiko erstickt. In Tlatelolco, einem Vorort von Mexiko-Stadt, wurden am 2. Oktober von Militär und Polizei etwa 300 Studenten-Aktivisten in einem Massaker umgebracht. Trotzdem feierte zehn Tage später die „Jugend der Welt“ in Mexiko-Stadt den Beginn der XIX. Olympischen Spiele. Hier gelang dem US-Leichtathleten Bob Beamon am 18. Oktober sein legendärer 8,90-Meter-Sprung. Seine beiden Team-Kollegen, die schwarzen 200-Meter-Sprinter Tommie Smith (Gold) und John Carlos (Bronze) hatten zwei Tage vorher bei ihrer Siegerehrung mit dem Black Power-Gruß für Bürgerrechte demonstriert. Der australische Silber-Medaillen-Gewinner Peter Norman erklärte sich solidarisch mit dieser für weltweites Aufsehen sorgenden Aktion. Smith und Carlos wurden aus dem US-Team verwiesen; Norman 1972 trotz Qualifikation die Teilnahme an den XX. Olympischen Spielen verweigert.
Lediglich mittelbar mit den 68er Bewegungen im Westen waren die Reformbestrebungen in einigen Warschauer-Pakt-Staaten verbunden. Studentenproteste in Polen („März-Unruhen“) wurden von der Staatsmacht mundtot gemacht. Anders war die Situation in der Tschechoslowakei, wo sich eine Reformbewegung auf Ebene des Staats- und Parteiapparats entwickelt hatte. Am 5. Januar 1968 war der für einen freiheitlicheren Kurs stehende Alexander Dubček zum Ersten Partei-Sekretär gewählt worden. Dubček hob die Pressezensur auf und liberalisierte die Wirtschaft. Kommunistische Hardliner befürchteten eine Aufgabe der Vorherrschaft der KP im Land. Nach Verhandlungen und langem Zögern sah KPdSU-Chef Breschnjew keine Alternative mehr zum militärischen Eingreifen, um den Sozialismus in den „Bruderland“ zu schützen. Am 21. August marschierten Truppen der Sowjetunion, Ungarns, Polens und Bulgariens in die ČSSR ein und beendeten damit den „Prager Frühling“. Die NVA der DDR war nicht unmittelbar beteiligt. Die USA und die NATO protestierten zwar, aber griffen nicht ein: Es war offenkundig, dass der Westen den Ostblock als Domäne der UdSSR akzeptierte.
Im Weltall ging der Weltlauf zwischen USA und UdSSR weiter. Mit Apollo 8 gelang den Amerikanern 1968 erstmals eine bemannte Mondumrundung. Im selben Jahr starb der sowjetische Weltraum-Held Juri Gagarin bei einem Testflug.
Im Vietnam ging der Krieg mit der Tet-Offensive der von Nordvietnam direkt unterstützen südvietnamesischen Vietcong-Rebellen in eine weitere Phase der Eskalation. Die USA stockten ihre Truppen in Südvietnam auf über 500.000 Mann auf, konnten aber dennoch keine militärische Lösung im Konflikt erzwingen. Die Vietcong hatten ihre militärische Ziele zwar nicht erreichen können und massive Verluste erlitten, hatten aber die Weltöffentlichkeit durch ihre Schlagkraft angesichts der geballten US-Militärmacht überrascht. Große Teile der US-Öffentlichkeit waren jetzt überzeugt, dass der Krieg nicht zu gewinnen wäre und möglichst bald beendet werden sollte. Die Tet-Offensive war wesentlich mitentscheidend für US-Präsident Johnsons Angebot an Nordvietnam, in Friedensverhandlungen zu treten.
Er selber werde aber dabei nicht mehr an verantwortlicher Stelle stehen, weil er nicht mehr zur Widerwahl antreten wolle, kündigte Johnson an. Als sein Nachfolger wurde am 5. November der Republikaner Richard M. Nixon gewählt.
In der BRD-Öffentlichkeit haben 1968 neben dem Vietnam-Krieg, dem seit 1967 in Nigeria tobenden Bürgerkrieg („Biafra-Krieg“) und anderen Ereignissen im Ausland vor allem der Contergan-Prozess im eigenen Land für Aufsehen gesorgt. Durch den Prozess sollte der 1961/62 aufgedeckte Arzneimittel-Skandal um das Medikament Contergan strafrechtlich abgeschlossen werden. Durch das Beruhigungsmittel waren tausende Neugeborene mit schweren körperlichen Behinderungen belastet worden. 1970 wurde das Verfahren nach 283 Verhandlungstagen und nach einem zivilrechtlichen Entschädigungs-Vergleich eingestellt. (mb)