Chronik 1970
Die US-Regierung unter Nixon versuchte 1970 den Konflikt in Vietnam endlich zu beenden. Dabei setzte Washington aber nicht auf Verhandlung, sondern wie gehabt auf militärische Mittel. Der Vietnam-Krieg weitete sich auf Kambodscha aus und wurde somit endgültig zum (Zweiten) Indochina-Krieg. Auch in Nordirland litt die Bevölkerung unter einer Eskalation blutiger Auseinandersetzungen. Weltpolitisch positive Signale kamen dagegen 1970 aus Deutschland. Völkerrechtliche Verträge der Bundesrepublik mit Polen und der Sowjetunion waren Meilensteine auf dem Weg zu Entspannung und Verständigung im Ost-West-Verhältnis.
Willy Brandt (SPD) hatte vor und bei Antritt seines Amts als Bundeskanzler Ende 1969 betont, aktiv den Dialog mit den Warschauer-Pakt-Staaten zu suchen („Wandel durch Annäherung“). Die Bundesrepublik sollte einen wesentlichen Beitrag zur Beendigung des ruinösen und gefährlichen Kalten Krieges leisten. Anders als die Mehrheit der bis dahin den deutschland- und außenpolitischen Kurs der BRD bestimmenden CDU/CSU-Führungsspitze waren Brandt und sein Außenminister Walter Scheel (FDP) bereit, bis dahin geltende Vorgaben in Hinblick auf den Status der DDR und der nach dem Zweiten Weltkrieg an Polen und die Sowjetunion gefallenen Ostgebiete als verhandelbar zu betrachten. Unterhändler der Bundesregierung wie Ostexperte Egon Bahr (SPD), Staatssekretär im Bundeskanzleramt, bereiteten Gespräche von Brandt und Scheel mit Spitzenpolitikern der Ostblock-Staaten vor. Parallel zu diesen Gesprächen stand das Thema „Berlin“ auf der politischen Agenda. Der als Ergebnis des Zweiten Weltkriegs bestehende Sonderstatus Berlins als Vier-Mächte-Stadt machte Verhandlungen der drei Westmächte USA, Großbritannien und Frankreich mit der Sowjetunion notwendig, um die durch die Brandt-Regierung initiierte und allgemein begrüßte Entspannungs-Offensive zu flankieren. Die Verhandlungen über ein Viermächteabkommen begannen im März 1970 und wurden 1972 erfolgreich abgeschlossen.
Bereits kurz vor Aufnahme der Viermächte-Verhandlungen war es am 19. März in der DDR-Stadt Erfurt zu einem spektakulären Treffen von Brandt mit dem DDR-Ministerratsvorsitzenden Willi Stoph gekommen („Willy Brandt ans Fenster!“). Dieses noch in ausgesprochen frostiger Atmosphäre stattgefundene erste deutsch-deutsche Gipfeltreffen hatte vor allem symbolische Bedeutung und erweckte die Hoffnung auf Annäherung beider deutscher Staaten. Ein Quantensprung der deutschen Ostpolitik war die Unterzeichnung des „Moskauer Vertrags“ am 12. August. Die BRD und die UdSSR vereinbarten dauernde Entspannung und Gewaltverzicht. Die Bundesregierung erkannte die Oder-Neisse-Linie als polnische Westgrenze an. Außerdem erkannte Bonn die bis dahin als „Zonengrenze“ bezeichnete Grenze zur DDR als unverletzlich an. Die endgültige Ratifizierung des Vertrags durch den Bundestag sollte nach Abschluss des Viermächte-Abkommens über Berlin erfolgen. Tatsächlich wurde der Moskauer Vertrag dann am 7. Mai 1972 vom Bundestag ratifiziert.
Am selben Tag wurde ein weiteres wichtiges Abkommen ratifiziert: Der „Warschauer Vertrag“. Dieser am 7. Dezember 1970 zwischen der Bundesregierung und der polnischen Regierung beschlossene Vertrag regelte die Normalisierung der Beziehungen zwischen den beiden Staaten. Faktisch verzichtete Bonn zur Empörung bundesdeutscher Heimatvertriebenen-Verbände durch den Vertrag auf die Ostgebiete. Unmittelbar nach Vertragsunterzeichnung legte Kanzler Brandt am Ehrenmal für die Gefallenen des Warschauer Ghetto-Aufstands einen Kranz nieder. Danach kniete er sich zur Überraschung der Anwesenden vor dem Denkmal hin. Diese als „Kniefall von Warschau“ in die Geschichtsbücher eingegangene eindrucksvolle Bitte um Verzeihung sorgte für enormes Medieninteresse und trug zum Imagewandel von Deutschland-West wesentlich bei. Wurde Deutschland im weltweiten Verständnis bis dahin häufig in Verbindung mit seiner Nazi-Vergangenheit definiert, wurde die BRD nach dieser spontanen Geste des Bundeskanzlers zunehmend als ein anderes Deutschland wahrgenommen, dem kein Misstrauen mehr entgegengebracht werden musste.
Im gleichen Jahr eskalierte der Vietnam-Krieg zum Indochina-Krieg. Entsprechend der Nixon-Doktrin von 1969, nach der von dem südvietnamesischen Verbündeten erwartet wurde, mit massiver US-Finanzunterstützung die Hauptlast des militärischen Einsatzes selbst zu tragen („Vietnamisierung des Konflikts“), zog Washington laufend eigene Bodentruppen aus dem Land. Um die Nachschubbasen der von den Roten Khmer unterstützten kommunistischen Vietcong-Rebellen im benachbarten Königreich Kambodscha zu zerschlagen, beschränkte sich die US-Regierung von Präsidnt Nixon 1970 nicht mehr auf Bombenangriffe, sondern rückte mit Bodentruppen in das Land ein. Vorher war der den USA zu zögerlich erscheinende Regent Sihanouk durch die CIA-Marionette Lon Nol gestürzt worden. Der militärische Vorstoß erwies sich als Fehlschlag und führte im Ergebnis zu einer Stärkung der Roten Khmer, die 1975 unter Pol Pot ein steinzeit-kommunistisches Schreckensregime über ganz Kambodscha errichten konnten.
In Nordirland hatte sich der durch die blutigen Auseinandersetzungen zwischen Angehörigen der katholischen und protestantischen Bevölkerungsgruppen in Derry 1969 ausgelöste Konflikt durch den Einsatz der britischen Armee zunächst beruhigt. Doch schlug die anfängliche Sympathie vieler Katholiken für die im Gegensatz zur überwiegend protestantischen Nordirland-Polizei (RUC) als neutral erscheinende Armee rasch ins Gegenteil um. Unsensibilität und Ruppigkeiten der für die politische Aufgabe der Deeskalation nicht vorbereiteten Armee führten zu Protest, Gewalt und Gegengewalt. Eine mit Brutalitäten der Soldaten verbundene Ausgangssperre im Belfaster Katholiken-Stadtteil Lower Falls („Vergewaltigung von Lower Falls“, fünf tote Zivilisten) im Zusammenhang mit der Suche nach IRA-Waffen ließ die Armee Anfang Juli endgültig zum Hassobjekt für Katholiken werden.
In Afrika endete im Januar 1970 der 1967 ausgebrochene Krieg zwischen der nigerianischen Zentralregierung und der nach Unabhängigkeit strebenden Provinz Biafra. Der mit äußerster Härte geführte Biafra-Krieg kostete 1,2 Millionen Menschen, zumeist Zivilisten, das Leben.
An der Bestattung des an einem Herzinfarkt gestorbenen ägyptischen Staatschefs Nasser nahmen fünf Millionen Menschen teil. Die beiden US-Rockgrößen Jimi Hendrix und Janis Joplin starben 1970 im Alter von 27 Jahren. Der im September gestorbene Hendrix war einen Monat vorher noch beim mit geschätzt 600.000 Besuchern als das größte Rockspektakel der Geschichte geltenden dritten Festival auf der britischen Isle of Wight aufgetreten.
Im November wurde eine bald weltberühmte Maus zum Patent angemeldet: Der US-Computertechniker und PC-Pionier Douglas Engelbart erhielt das US-Patent für seine Computer-Maus.
Die ARD startete 1970 mit „Taxi nach Leipzig“ ihre Endlos-Krimi-Serie „Tatort“. Der Wolfgang-Menge-TV-Thriller „Das Millionenspiel“ (Titelmusik von Can) verstörte Millionen Fernsehzuschauer und das Fernsehspiel „Bambule“ bekamen sie gar nicht erst zu sehen. Das Drehbuch zum Jugendheim-Missstände thematisierenden TV-Spiel hatte Ulrike Meinhof geschrieben. Die Autorin war Anfang Mai an der Befreiung des wegen Kaufhausbrandstiftung einsitzenden Andreas Baader beteiligt gewesen. Die Befreiung wurde zur Geburtsstunde der terroristischen Baader-Meinhof-Gruppe, die sich selbst „Rote Armee Fraktion (RAF)“ nannte. Die für den 24. Mai angekündigte Ausstrahlung von “Bambule“ wurde abgesetzt. Erst 1994 lief der Film in einem der Dritten Programme.