Chronik 1971
Im Jahr 1971 wurde der indische Subkontinent vom Bangladesh-Krieg heimgesucht, der mit der Gründung eines neuen Staates endete. In Indochina wurde nach Vietnam und Kambodscha 1971 erstmals auch Laos Schauplatz von Bodenkämpfen. Die "New York Times" deckte durch die teilweise Veröffentlichung von auf den Vietnam-Krieg Bezug nehmender Dokumente („Pentagon-Papiere“) die systematische Irreführung der US-Öffentlichheit durch die Regierung auf. Die Entspannungspolitik der bundesdeutschen Regierung erhielt durch die Unterzeichnung des Viermächteabkommens über Berlin wesentliche Unterstützung. Mit der Berufung von Erich Honecker zum SED-Chef endete in der DDR die Ära Ulbricht.
Bei der Teilung der britischen Kolonie Indien waren 1947 die mehrheitlich hinduistische Republik Indien und die mehrheitlich muslimische Republik Pakistan entstanden. Die unglückliche Konstruktion eines Staates mit zwei 1500 Kilometer voneinander getrennten Landesteilen (West-Pakistan, Ost-Pakistan) sowie die sich bald verfestigende Dominanz des größeren West-Pakistans hatten zu einer Separationsbewegung in Ost-Pakistan geführt. Die Spannungen steigerten sich im März 1971 zum Bürgerkrieg. Die Separatisten wurden von Indien unterstützt. Nachdem Pakistan Ziele in Indien bombardiert hatte, griff Indien am 3. Dezember militärisch massiv in den Konflikt ein („Dritter Indisch-Pakistanischer Krieg“). Am 16. Dezember kapitulierte (West-)Pakistan. Ost-Pakistan hatte sich bereits am 26. März als „Volksrepublik Bangladesh“ für unabhängig erklärt.
Für die amerikanischen und südvietnamesischen Militärplaner war der Ho-Chi-Minh-Pfad, dem von Nordvietnam über Laos und Kambodscha nach Südvietnam führenden Hauptnachschubweg der kommunistischen Vietcong-Rebellen, ein strategisches Ziel höchster Stufe. US-Bombenschläge hatten nicht ausgereicht, diesen Nachschubweg zu unterbrechen. Deshalb sollten Bodentruppen in Laos den Erfolg erzwingen. Durch ein US-Kongress-Gesetz war 1970 untersagt worden, dass amerikanische Bodentruppen in Laos eingesetzt werden. Daher standen ausschließlich Verbände der südvietnamesischen Armee (ARVNV) zur Verfügung. Anfang Februar drang die ARVN in das Nachbarland ein, wo sie auf Vietcong und vor allem nordvietnamesische Einheiten traf. Die ARNV-Offensive, die Hanoi an den Verhandlungstisch zwingen und die Öffentlichkeit von der Effektivität der südvietnamesischen Truppen überzeugen sollte, endete im März mit einer Niederlage für Saigons Militärs. Das Desaster stärkte den Kampfwillen der Vietcong, demoralisierte die ARVN sowie die US-Truppen in Vietnam und verstärkte die Kriegsmüdigkeit in den USA. Dort wurde die Anti-Kriegs-Stimmung durch die milde Strafe für William Calley, dem für das Massaker von My Lai (1968) verantwortlichen US-Offizier, geschürt. Calley war 1971 zwar zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt worden, die Gefängnishaft war aber sofort von Präsident Nixon in Hausarrest umgewandelt worden. (1974 wurde der Kriegsverbrecher begnadigt.) Noch mehr empörte die Veröffentlichung der „Pentagon-Papiere“ durch die "New York Times". Die für das geheime Archiv des US-Verteidigungsministeriums erstellte Textsammlung hatte diverse Täuschungsmanöver der US-Präsidenten im Zusammenhang mit ihrer Vietnamkriegs-Informationspolitik dokumentiert. Die schließlich an höchstrichterlicher Rechtsprechung scheiternden Versuche der Nixon-Administration, die Veröffentlichung zu verhindern, vergrößerten das Misstrauen von vielen US-Bürger zu ihrer Regierung zusätzlich.
Zunehmend von Misstrauen und Hass geprägt war 1971 auch das Verhältnis der meisten Katholiken in Nordirland zu ihrer Regierung. Der Nordirland-Konflikt hatte durch Angriffe der terroristischen IRA-Provisionals auf nordirische Polizei (RUC), protestantische Extremisten und britische Armee 1971 eine neue Dimension erhalten. Am 5. Februar wurde der erste britische Soldat getötet. Im Lauf des Jahres erhöhte sich die Zahl der getöteten Soldaten auf annähernd 40, die der Zivilisten auf etwa 100. Zur Verschärfung des Konflikts führte die „Internment Policy“ der nordirischen, von Protestanten dominierten Provinzregierung, hunderte der IRA-Anhängerschaft verdächtigter Personen ohne Gerichtsurteil vorbeugend in Lagern wie „Long Kesh“ („Maze Prison“) zu inhaftieren.
Auch in Deutschland entwickelte sich ein Terrorismus-Problem. Die sich 1970 um Andreas Baader und Ulrike Meinhof gebildete Linksterrorismus-Zelle „Rote Armee Fraktion (RAF)“ begann 1971 nach einer paramilitärischen Ausbildung in einem jordanischen Fatah-Lager ihr blutiges Konzept von revolutionärer Stadtguerilla mit Bombenanschlägen und Banküberfällen umzusetzen. Nachdem RAF-Mitglied Petra Schelm am 15. Juli in Hamburg bei einer Schießerei mit der Polizei getötet worden war, wurde am 22. Oktober, ebenfalls in Hamburg, mit Norbert Schmid der erste Polizist im Zusammenhang mit der RAF zum Mordopfer.
Noch versank Deutschland aber noch nicht im „Deutschen Herbst“, sondern beschäftigte sich vor allem mit anderen Dingen. In deutschlandpolitischer Hinsicht hatte die Unterzeichnung des Berlin-Abkommens der vier Siegermächte („Viermächteabkommen“) am 3. September entspannungspolitisch positive Akzente gesetzt. So galt (West-)Berlin zwar weiterhin als eine politische Einheit eigener Art, aber die Sowjetunion erkannte die besondere Bindung der Bundesrepublik zu Berlin an. Von großer praktischer Bedeutung war die von der Sowjetunion zugestandene Möglichkeit von Erleichterungen im Transitverkehr zwischen Westdeutschland und Berlin. Das 1972 in Kraft tretende Viermächteabkommen machte das am 17. Dezember 1971 unterzeichnete Transitabkommen zwischen BRD und DDR erst möglich. Der wichtigste DDR-Politiker war da schon lange nicht mehr Walter Ulbricht, der seit Gründung der DDR 1949 der starke Mann in Partei und Staat gewesen war. Mit Rückendeckung von KPdSU-Chef Breschnjew war Ulbrichts Macht im SED-Politbüro schrittweise demontiert worden. Am 3. Mai hatte der fast 77-jährige Ulbricht den neuen Machtverhältnissen schließlich Rechnung tragen müssen und seinen Rücktritt als Parteichef erklärt. Anders als andere vor ihm gestürzte Parteiführer im Ostblock wurde er aber nicht zur Unperson gemacht oder sogar liquidiert, sondern durfte bis zu seinem Tod 1973 den einflusslosen Repräsentativposten eines Staatratsvorsitzenden behalten
Wichtigster Ansprechpartner für die Bundesregierung auf DDR-Ebene war jetzt der mit Ulbricht an Hölzernheit gleichziehende Erich Honecker geworden. Für Bundeskanzler Willy Brandt (SPD), dem Honecker stets überaus unsympathisch blieb, war 1971 ein ganz besonderes Jahr. Im Dezember wurde ihm in Oslo der Friedensnobelpreis für seine Frieden stiftende Ostpolitik verliehen.
Für Medienaufmerksamkeit und teilweise auch für große Aufgeregtheit sorgte 1971 in der BRD der STERN-Titel „Wir haben abgetrieben“. Auf Initiative der damals noch als moralische Instanz geltenden Feministin Alice Schwarzer outeten sich in einer STERN-Titelgeschichte 374 Frauen (dabei: Romy Schneider und Senta Berger) mit dem Statement „Wir haben abgetrieben“. Die mediale Provokation zeigte Wirkung und setzte eine neue Debatte über den Abtreibungsparagraphen 218 StGB in Gang.
Als manchen Schmunzler bewirkenden Hinweis auf eine Liberalisierung der bundesdeutschen Gesellschaft wurde der am 8. Februar 1971 von Verteidigungsminister Helmut Schmidt (SPD) dekretierte Haar-Erlass gewertet. Langmähnige Soldaten durften ihre Haarpracht behalten, mussten sie aber bei Bedarf mit einem Haarnetz bändigen („Krummies der Hair Force“). Weil wohl der Abschreckungseffekt zu gering war und Bundeswehrsoldaten auch in dem 1971 gegründeten Kopenhagener Hippie-Freistaat Christiania nicht mehr aufgefallen wären, wurde der Haarerlass bereits 1972 wieder entliberalisiert. Die Haare durften seitdem den Uniformkragen nicht mehr berühren. Lange oder doch zumeist halblange Haare waren auch in der 1971 erstmals ausgestrahlten ZDF-Musik-Sendung „Disco“ ein Thema. Die von Ilja Richter moderierte Sendung war ebenso bieder wie die ebenfalls 1971 zum ersten Mal gezeigte ZDF-Quiz-Reihe “Dalli Dalli“ mit Hans Rosenthal („Sie fanden, das war Spitze!“) . Musikalisch pendelte der deutsche Mainstream-Geschmack 1971 zwischen Tony Marschalls „Schöne Maid“, Glam-Rock a la T. Rex und Hardrock-Hits wie „Paranoid“ von Black Sabbath“. (mb)