Was war wann - Info Chronik 1974

Chronik 1974

Durch die Aufhebung des Öl-Embargos durch die OPEC Mitte März wurde das Ende der Ölkrise eingeleitet. Die wichtigste Polit-Personalie für einen großen Teil der 1974 auf vier Milliarden Menschen angewachsenen Weltbevölkerung war der Rücktritt von US-Präsident Richard Nixon im Zusammenhang mit der Watergate-Affäre. Die massiven Vorwürfe gegen Nixon wegen Abhöraktionen zu Ungunsten seines demokratischen Konkurrenten im Präsidentschaftswahlkampf 1972 hatten Anfang 1974 zur offiziellen Ankündigung eines Amtsenthebungsverfahrens („Impeachment“) durch den US-Kongress geführt. Nixon kam einer Anklage durch seinen Rücktritt am 9. August zuvor. Als sein Nachfolger rückte Vizepräsident Gerald Ford nach, der den Kurs der endgültigen Beendigung des US-Engagements im Vietnam-Kriege fortsetzte. Auf deutscher Ebene sorgte ein anderer Regierungschef-Rücktritt für bedeutendes öffentliches Interesse: Als Reaktion auf die Guillaume-Affäre zog sich Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) von seinem Amt zurück. Einer der engsten Vertrauten des Kanzlers, sein persönlicher Referent für SPD-Angelegenheiten Günther Guillaume, wurde im April als DDR-Agent enttarnt. Die von Guillaume ausspionierten Fakten waren eher zweitrangig. SPD-Spitzen, vor allem Fraktionsvorsitzender Herbert Wehner, befürchteten aber, dass bei Publikwerden von Brandts Privatleben betreffenden Einzelheiten aus Guillaumes Dossiers die Chancen der SPD beim nächsten Wahlkampf verschlechtert werden würden. Der gesundheitlich und politisch angeschlagene Brandt verzichtete schließlich am 5. Mai auf sein Amt. Der bisherige Finanzminister Helmut Schmidt (SPD) wurde am 16. Mai vom Bundestag zum Kanzler gewählt. Einen Wechsel gab es auch an der bundesdeutschen Repräsentativspitze. Als Nachfolger von Bundespräsident Gustav Heinemann (SPD) wurde Walter Scheel (FDP) („Hoch auf dem gelben Wagen“) Hausherr in der Villa Hammerschmidt. Mindestens so wichtig wie die Guillaume-Affäre war in der Wahrnehmung nicht weniger Bundesdeutscher der Sieg ihrer Nationalmannschaft bei der in Deutschland-West veranstalteten Fußball-WM. Für DDR-Bürger wurde vor allem der Sieg ihrer Mannschaft bei diesem Turnier gegen die Bundesdeutschen in der ersten Vorrunde gefeiert. Beim ersten und einzigen Treffen beider deutscher A-Nationalmannschaften in der Fußballgeschichte versenkte DDR-Stürmer Jürgen Sparwasser am 22. Juni im Hamburger Volksparkstadion den Ball als 1:0-Siegtreffer im Sepp-Maier-Tor. Damit wurde die DDR vor der BRD Gruppensieger. In der nächsten Runde schieden die Ostdeutschen zwar dann aus, aber Sparwasser war zum DDR-Fußballgott geworden.Nicht nur in den USA und der BRD hatte es 1974 dramatische Umbesetzungen an der Staatsspitze gegeben. Besonders spektakulär waren die Entwicklungen in Portugal und Äthiopien gewesen. Bei der fast unblutigen „Nelken-Revolution“ in Portugal, bei der linksgerichtete Offiziere und Soldaten eine wichtige Rolle spielten, wurde der seit 1933 als autoritäre Diktatur bestehende Estado Novo von der demokratisch verfassten Dritten Republik abgelöst. Diktator Marcelo Caetano floh ins Exil. Bei einem viele Todesopfer fordernden und einen fast zwanzigjährigen Bürgerkrieg auslösenden Putsch linker Militärs in Äthiopien wurde mit dem Sturz des absoluten Herrschers Haile Selassie das Ende der fast dreitausend Jahre als Kaiserreich existierenden äthiopischen Monarchie besiegelt. In Frankreich endete mit dem Tod von Staatspräsident Georges Pompidou die gaullistische Ära. Zum Nachfolger wurde der unabhängige Republikaner Valéry Giscard d’Estaing gewählt. Auf der anderen Seite des Ärmelkanals wurde der amtierende konservative Premierminister Edward Heath 1974 durch Geschäftsordnungstricks bei der Aufstellung der Kandidatenliste von Parteifreunden als Spitzenkandidat für die Unterhauswahlen im September ausmanövriert. Sein Nachfolger in Downing Street 10 wurde schließlich der Labour-Chef Harold Wilson, der bereits von 1964 bis 1970 britischer Premier gewesen war.Ein Hauptproblem der britischen Premiers war auch 1974 der Nordirlandkonflikt geblieben. Eine Serie von Terroranschlägen der den Katholiken zugerechneten IRA („Buckingham Pub Bombing“) und der protestantischen Gegenorganisation UVF („Dublin and Monaghan Bombings“) forderten 55 Todesopfer und mehr als 300 Verletzte. In Deutschland sorgte die linksextremistische Terroristengruppe Bewegung 2. Juni mit ihrem Fememord am ehemaligen Genossen Ulrich Schmücker und dem Mord am Berliner Kammergerichtspräsidenten Günther von Drenkmann für Schlagzeilen.Die vom Bundestag 1974 als Reform des Abtreibungsparagraphen 218 beschlossene, die Strafbarkeit von Abtreibung im Wesentlichen abschaffende Fristenregelung trat nach Verfassungsbeschwerde von Unions-Abgeordneten beim Bundesverfassungsgericht vorerst nicht in Kraft.Der Ost-West-Entspannungsprozess machte 1974 mit der Einrichtung von botschaftsähnlichen "Ständigen Vertretungen" beider deutscher Staaten in Bonn und Ost-Berlin, der Anerkennung der DDR durch die USA und den Abschluss des Abrüstungsabkommens SALT II weiter Fortschritte. Gestört wurde diese Entwicklung durch die Ausweisung des russischen Regimekritikers, Schriftstellers und Literatur-Nobelpreisträgers Alexander Solschenizyn aus der Sowjetunion. Mit einer anderen Art Literatur als Solschenizyn wurde der US-Autor Stephen King 1974 bekannt. Sein in diesem Jahr veröffentlichter Gruselroman „Carrie“ war der erste in einer Reihe von noch folgenden Schauer-Erfolgen. Ein bisschen gruselig ging es auch bei dem spektakulären Box-Großereignis „Rumble in the Jungle“ in Kinshasa, der Hauptstadt des zairischen Diktators Mobutu, zu. „Altmeister“ Muhammad Ali gelang es, sich durch Kondition, Taktik und Psycho-Tricks gegen den favorisierten Schwergewichtsweltmeister George Foreman durchzusetzen. Sanftere Töne schlug 1974 die innovative deutsche Electronic-Band Kraftwerk mit ihrem Hit „Autobahn“ an. Noch leiser ging es beim 3D-Puzzle-Denksport mit dem 1974 berühmt gewordenen Rubik-Würfel zu. (mb)