Chronik 1975
Seit 1972 bemühten sich Vertreter fast aller europäischer Staaten im Rahmen der KSZE (Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) um Reduzierung des Ost-West-Spannungspotenzials. Als Meilenstein dieser Bemühungen wurde 1975, am 1. August, die „KSZE-Schlussakte von Helsinki“ unterzeichnet. Durch dieses Abkommen verpflichteten sich die Unterzeichner-Staaten die Unverletzlichkeit der Grenzen (unter anderem der Grenzen Polens und der DDR) zu respektieren, auf Einmischung in innere Angelegenheiten der anderen Unterzeichner-Staaten zu verzichten, Streitfälle auf friedliche Weise zu regeln sowie Menschenrechte zu wahren. Ferner wurden intensive Kooperationen auf wirtschaftlichen und umweltpolitischen Gebieten sowie Wissenschaftsaustausch vereinbart.
Zum Entspannungspaket des Jahres gehörte auch der erste Besuch eines deutschen Bundespräsidenten (Walter Scheel) in der Sowjetunion und die viel beachtete Reise des als antikommunistischer Hardliner bekannten CSU-Vorsitzenden Franz Josef Strauß in die Volksrepublik China. Als erster BRD-Politiker traf er sich mit dem rotchinesischen Partei- und Staatsführer Mao Zedong (Mao Tse-tung).
Selbstbewusst meldete Strauß („FJS“), dem Bayern als politische Bühne immer etwas zu klein war, innerhalb der Union seinen Anspruch auf die für 1976 anstehende Kanzlerkandidatur an. Der Bayer konnte sich letztlich aber nicht gegen den CDU-Vorsitzenden Helmut Kohl durchsetzen. Bei der Bundestagswahl 1976 würden besonders viele Neuwähler stimmberechtigt sein: Das 1974 verabschiedete Gesetz, das das Volljährigkeitsalter und damit auch das aktive Wahlrechts-Alter von 21 auf 18 Jahre abgesenkt hatte, trat am 1. Januar 1975 in Kraft.
1975 wurde die BRD von der Entführung des Berliner CDU-Landesvorsitzenden Peter Lorenz am 27. Februar erschüttert. Die Linksterroristen-Gruppe „Bewegung 2. Juni“ verlangte im Austausch für Lorenz die Freilassung von RAF-Gründungsmitglied Horst Mahler und fünf weiteren einsitzenden RAF-Aktivisten. Die Bundesregierung erklärte sich zu einem Austausch im südjemenitischen Aden bereit. Mahler weigerte sich allerdings, ausgetauscht zu werden. Nach der in der Öffentlichkeit nicht unumstrittenen Freilassung der anderen RAF-Gefangenen kam auch Lorenz wieder frei.
Umstritten war auch die Art und Weise, wie sich die USA endgültig aus dem Vietnam-Krieg zurückzogen. Das nach dem Rückzug der US-Truppen aus Südvietnam von Auflösung betroffene Thieu-Regime war durch extreme Korruption und Misswirtschaft geprägt. Den nachstoßenden Verbänden von Vietcong und nordvietnamesischer Armee zeigten sich die südvietnamesischen Einheiten unterlegen.
Nachdem die kommunistischen Truppen am 21. April Südvietnams Hauptstadt Saigon erreicht hatten, war der Krieg militärisch entschieden. Das von der US-Regierung überstürzt angeordnete Ausfliegen von zehntausenden US-Amerikanern und mit ihnen besonders eng verbundenen Südvietnamesen („Operation Frequent Wind“, 29. April) wurde zum medialen Symbol für das von vielen Amerikanern als Schmach empfundene Ende des US-Engagements in Vietnam. Zwei Wochen vorher hatten die Khmer Rouge die Macht in ganz Kambodscha erobert. Für das geschundene Land begann unter den von Pol Pot angeführten Steinzeit-Kommunisten ein bis 1997 dauerndes Terror-Regime.
Fast 40 Jahr lang dauerte das Rechts-Regime von General Franciso Franco über Spanien. Mit dem Tod des falangistischen Diktators am 20. November und der Inthronisierung von König Juan Carlos I. war nach der Re-Demokratisierung von Griechenland und Portugal auch für die letzte Diktatur Südeuropas der Weg frei für eine demokratische Entwicklung.
1975 war das Jahr, in dem die Anti-Atom-Bewegung in Deutschland zur politischen Kraft wurde. Die nach dem Ölkrisenschock 1973/74 als energiepolitisches Allheilmittel beschworene Kernkraft wurde von immer mehr Deutschen als Bedrohung empfunden. Die Besetzung des AKW-Bauplatzes in Wyhl im Februar galt als Geburtsstunde der aktivistischen Anti-AKW-Bewegung. Der erste tödliche AKW-Unfall im KKW Grundremmingen (Zwei Schlosser wurden am 19. November durch austretende Dämpfe getötet.) verstärkte die Kernkraft-Skepsis erheblich.
Die innenpolitische Diskussion in Deutschland war 1975 weiterhin auch vom Ringen um eine Reform des Schwangerschaftsabbruchs-Rechts („§ 218-Diskussion“) geprägt. Nach Antrag der CDU/CSU-Bundestagsfraktion erklärte das Bundesverfassungsgericht die im Vorjahr von der sozialliberalen Bundestagsmehrheit beschlossene Fristenregelung für verfassungswidrig und wies das Gesetz zur Überarbeitung an den Bundestag zurück. Die Proteste gegen diese Entscheidung waren enorm und führten unter anderem in München zur Eröffnung des ersten Frauenbuchladens der BRD.
1975 positionierten sich auch zwei bald berühmt werdende Lautmusik-Gruppen: Iron Maiden und Motörhead begeisterten Metal-Fans. Betulicher ging es bei „S.O.S.“ von Abba, der Mainstream-Taktgeber-Gruppe des Jahres, zu. Noch betulicher liebten es Mitklatscher bei „Tränen lügen nicht“ von Michael Holm und die Käufer der meistverkauften Klaviermusik-LP aller Zeiten „Keith Jarrett, The Köln Concert“.
Burlesk ging es bei dem Musikfilm-Hit des Jahres („Rocky Horror Picture Show“) zu. Steven Spielbergs Kino-Supererfolg „Der weiße Hai“ war wesentlich blutiger und Pier Pasolinis „Die 120 Tage von Sodom“ wesentlich trauriger.
Grund zur Freude hatten 1975 Charlie Chaplin, den die Queen zum Ritter schlug, sowie Bill Gates und Paul Allen, die mit der Gründung des Unternehmens „Microsoft“ die Grundlage für ihr späteres Milliardenvermögen schufen. (mb)